Ein Besuch beim Nähprojekt

Es ist Mittwoch. Zwanzig Uhr. Ich werde schon erwartet. Lisa Hartmann begrüßt mich und stellt mich der Gruppe vor. Das sind acht Frauen. Die meisten sind anhand ihrer bunten Kopftücher unschwer als muslimische Frauen zu erkennen. Bunt ist auch das, was auf dem großen Tisch in der Mitte des Raumes liegt: verschiedene Stoffe, Garn in allen Farben, ein Maßband, ein paar Scheren, ein, zwei Fingerhüte. Ja, wir sind in einer Nähwerkstatt. Fast wäre man geneigt zu sagen: in Lisas Nähstube.

Denn sie ist die Organisatorin, der Motor des kleinen Unternehmens. Hier werden Taschen hergestellt. Große Taschen, wie man sie braucht um Strand-, Sauna- oder Sportsachen unterzubringen. Aber auch kleinere Taschen, ein bisschen eleganter, in die zum Beispiel ein Tablet-Computer hineinpasst. Das Material ist derber Stoff, reißfest und hält ein Leben lang. Ich setze mich zu einer der Frauen. Sie wartet wohl auf ihren Arbeitsauftrag, über den in einer kleinen Gruppe noch diskutiert wird. Ja, sie wolle meine Fragen beantworten, sagt sie in gutem Deutsch. Sie heiße Nasira und sei aus Afghanistan. Eilfertig schreibt sie ihren Namen in Druckbuchstaben auf meinen Notizblock und noch dazu „Ich komme aus Afghanistan“.
Erste Spracherfolge, erworben im Integrationskurs in Hannover. Vor beinahe zwei Jahren kam sie hier in der Wedemark an. Mit Mann und drei Kindern, zwei Söhnen und einer Tochter. Die andere ist noch in der alten Heimat. Hier huscht ein Schatten über ihr Gesicht. „Ich muss immer an sie denken. Dann bin ich traurig. Ich muss zu Menschen gehen. Ich will helfen. Ich kann nicht zu Hause sitzen.“ Sie ist froh, dass sie sich hier im Mehrgenerationenhaus einmal in der Woche für zwei, drei Stunden nützlich machen kann. Wie sie, so fühlen auch die anderen Frauen.
Sie wollen mal rauskommen aus dem häuslichen Umfeld. Sie vermissen ihre Großfamilien, in denen sie sich geborgen fühlten. Jetzt sind sie oft einsam. Da kam Lisa Hartmann gerade zur rechten Zeit. „Eine Sprache zu lernen gelingt doch dann am besten, wenn man gemeinsam etwas tut“, meint sie. Sie organisierte ein paar Nähmaschinen, kam durch Selma M., die schnell Deutsch gelernt hatte, mit zugewanderten Frauen in Kontakt und gründete ihr kleines Nähprojekt, zusammen mit Tanja Primke, Kostümdesignerin aus der Wedemark. Sie hat nur wenig Zeit für ein paar Fragen. „Wir Frauen hier sind richtig stolz auf unsere Taschen. Die verkaufen wir auf Märkten, nicht nur hier in der Wedemark. Mit großem Erfolg. Aber jetzt muss ich zurück zu den anderen.“ Sie schnappt sich eine Schere, denn es muss wieder Stoff zugeschnitten werden. Zudem möchte Selma M. mit ihr über ihre Führerscheinprüfung reden. Und dann muss noch mit einer afghanischen Mutter der Besuch des Elternabends vorbereitet werden.
Die Nähmaschinen haben aufgehört zu surren. Es wird aufgeräumt. „Dann bis zum nächsten Mal. Tschüss.“ Die Frauen umarmen sich. Zuhause warten ihre Familien auf sie. Die kleine Auszeit, einmal die Woche, tut ihnen gut, den Frauen aus Syrien, Afghanistan und den anderen Ecken der Welt.